Begegnungen

Was bedeutet der Elysée-Vertrag für Sie? Wir haben die Feierlichkeiten um den 50. Jahrestag des Elysée-Vertrages zum Anlass genommen, um Gäste zu befragen...

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AXEL HASENKAMP, Oberst, Sekretariat des Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats

 

Was denken Sie über den Elysée-Vertrag?

Mit dem Elysée-Vertrag haben Adenauer und de Gaulle die Tür für Europa geöffnet, ein großer Schritt also, weil die beiden schon damals die Vision hatten, dass man Deutschland und Frankreich braucht, um Europa aufzubauen. Und auch heute noch hat der Vertrag einen großen Wert, das sieht man an der Realpolitik, ohne Frankreich und Deutschland geht nichts, deshalb muss man dafür sorgen, dass sich die beiden Staaten gut verstehen. Und Adenauer und de Gaulle haben die Tür zur Entwicklung dieser deutsch-französischen Freundschaft, die für Europa so wichtig ist, geöffnet.

Denken Sie, dass man den Elysée-Vertrag aktualisieren kann?

 

Meiner Meinung nach gibt es nicht viel zu aktualisieren. Vielleicht muss man ihn noch einmal neu interpretieren, denn viele Dinge, die im Vertrag stehen, sind noch nicht in die Tat umgesetzt worden, zumindest nicht ganz. Der Vertrag behandelt sehr viele Themen, angefangen bei der Jugend, den Sprachen, der Bildung bis hin zur Sicherheitspolitik und der Verteidigungspolitik. Wenn man das alles umsetzen würde, wäre das längst genug.

Sie sind Soldat. Würden Sie sich eine europäische Verteidigung wünschen?

Was die Verteidigung und die Sicherheit angeht, gibt es ein zusätzliches Protokoll zum Vertrag, wir haben den Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrats gegründet, der heute 25 Jahre alt ist. Würde man alles umsetzen, was im Protokoll angesprochen wird, würden wir uns ein großes Stück weiter in Richtung einer europäischen Verteidigung bewegen.


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DIETER MÜLLER, ehemaliger deutscher Fußball-Nationalspieler

Sprechen Sie Französisch?

Ja,ich spreche ein bisschen Französisch. Ich habe viele Jahre in Frankreich gelebt und kann nur sagen, dass ich mich in Frankreich immer sehr wohl gefühlt habe und auch die Gastfreundschaft der Franzosen sehr genossen habe.Nächste Woche fahren wir nach Paris, um das Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich zu sehen. Ich bin vom französischen Fußballverband (FFF) eingeladen, weil ich ein ehemaliger deutscher Nationalspieler bin. Ich habe mit Größen wie Platini, Giresse, Tresor und Tigana gespielt.

Was denken Sie über den Elysée-Vertrag?

Ich fand die Idee damals von Adenauer und de Gaulle genial, sich so ein bisschen anzunähern. Es gab ja immer mal Pobleme zwischen Deutschland und Frankreich, wir wissen, dass es einige Kriege gab und ich finde das ganz großartig, wenn man überlegt, dass der Vertrag der Grundstein dafür war, dass Europa als Union gegründet wurde und dazu beigetragen hat, dass die zwei wichtigsten Staaten Europas, Frankreich und Deutschland, Freunde geworden sind.

Glauben Sie, dass man den Elysée-Vertrag aktualisieren kann?

Ja, natürlich!, ich finde ganz wichtig, dass auch die Jugend, die nachwächst, sich gegenseitig kennenlernt, dass die Sprachen gefördert werden, dass man sich auch gegenseitig lieben lernt, weil jede Nation für sich hat so viel Liebenswertes und das muss man wieder ganz neu mit Leben erfüllen, denke ich.

Was gefällt Ihnen an Frankreich?

Die Franzosen leben einfach mehr, genießen mehr, manchmal essen sie vier, fünf Stunden und bei den Deutschen geht das innerhalb von zehn Minuten, wir haben nicht diese Lebensqualität, wie die Franzosen.

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GÉRARD CRONENBERGER, Bürgermeister der Gemeinde Ingersheim im Elsass , VOLKER GODEL, Bürgermeister der Gemeinde Ingersheim in Baden-Württemberg und WERNER SPEC, Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg, die mit Montbéliard die älteste deutsch-französische Städtepartnerschaft unterhält.


Was denken über den Elysée-Vertrag?

Cronenberger: Der Elysée-Vertrag ist das Beste, was seit dem Krieg für die deutsch-französische Freundschaft getan wurde. Die Freundschaft war die Basis, der Sockel für das Europa, das sich später aufgebaut hat. Kaum war der Krieg vorbei haben General de Gaulle und Konrad Adenauer den Mut den Willen gehabt, die beiden Völker, die fast 70 Jahre lang gegeneinander Krieg geführt haben, einander wieder näher zu bringen, deswegen sind die deutsch-französische Freundschaft und der Elysee-Vertrag für mich sehr wichtig.

Godel: Der Kollege Cronenberger und ich vertreten sozusagen die kommunale Ebene der deutsch-französischen Freundschaft. Wir haben seit 1999 eine Partnerschaft zwischen beiden gleichnamigen Gemeinden. Herr Cronenberger ist Bürgermeister von Ingersheim im Elsass und ich bin Bürgermeister im württembergischen Ingersheim. Unsere Vereine und Organisationen treffen sich mindestens 20-mal im Jahr. Wir haben Partnerschaften initiiert, auch zwischen Schulen, die zum einen den Inhalt haben, die Sprache des Nachbarn zu lernen, auf der anderen Seite einfach gegenseitiges Verständnis zu fördern und es hat sich in diesen 50 Jahren seit der Unterzeichnung des Elysee-Vertrages herausgestellt, und daran werden wir alle künftig weiterarbeiten, dass Frankreich für Deutschland der wichtigste Partner in Europa ist und Deutschland für Frankreich auch der wichtigste Partner ist und auch künftig sein wird.

Spec: Der Elysée-Vertrag hat vor 50 Jahren natürlich eine ganz große Bedeutung gehabt, nach einer schwierigen Zeit für Deutschland und Frankreich nach der verheerenden Situation von Nazi-Deutschland war das natürlich ein befreiendes Symbol für die Aussöhnung der zwei Völker, der Deutschen und Franzosen und es war gleichzeitig auch die erste wichtige Grundlage für das vereinte Europa.

Denken Sie, dass man den Vertrag aktualisieren kann?

Cronenberger: Aktualisieren? Man muss ihn erweitern. Für den Moment ist es ganz gut, aber wir müssen noch viel weiter gehen und alles was die Gesellschaft, den wirtschaftlichen Austausch, die Kultur betrifft in Einklang bringen. In diesem Sinne muss man ihn aktualisieren, indem man ihn ausweitet.

Spec: Ja, man muss ihn aktualisieren, denn so wie die Nachkriegszeit eine ganz historische Situation war, so haben wir jetzt nach vielen Jahrzehnten Frieden in Europa, eine große Herausforderung, wir haben die Finanzkrise, die Schuldenkrise, wir haben eigentlich eine Demokratiekrise und wir müssen es jetzt schaffen, dass wieder die Politik und aber auch die Menschen in Europa gemeinsam den europäischen Gedanken erneuern. Man kann nicht nur von der Geschichte leben, sondern man muss jetzt mit einer neuen Kraftanstrengung wieder neu das Fundament für Europa bauen.

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WULF HERZOGENRATH, Kunsthistoriker und ehemaliger Museumsdirektor in Berlin und Bremen

Was denken Sie über den Elysée-Vertrag?

Der Elysée-Vertrag ist eines der wichtigsten politischen Dinge, er hat die Verbindung zu Frankreich als ersten Schritt für ein vereintes Europa ermöglicht. Ich bin alt genug, um das damals alles gerade noch als Jugendlicher in Ihrem Alter mitbekommen zu haben. Aber zum Glück jung genug, jetzt die ganzen Kriegswirren und Schwierigkeiten der emotionalen Annäherung der Älteren für die ältere Generation nicht mehr zu haben.

Wie haben Sie die Schritte der Integration von Frankreich gesehen?

Das Wichtige und auch das Geniale zwischen Adenauer und de Gaulle war, dass es sich nicht um ferne Länder handelte, sondern, dass diese beiden „Feinde“,

die ja Nachbarn waren und gerade deshalb emotional so starke Gegner, sich ausgesöhnt haben. Der erste Schritt ist meist der schwierigste und dann war es gut, das tatsächlich mit dem Nachbarn zu machen.

Glauben Sie, dass der Elysée-Vertrag die wichtigste Etappe der europäischen Weiterentwicklung war?

Er war sicher der Anfang, aber Verträge sind Papier und sie sind sicher auch bedeutend in den Gesten, aber wichtig war die Idee, dass man die Menschen zusammenbrachte, dass es z.B. ein deutsch-französisches Jugendwerk gab, dass kultureller Austausch stattfand, dass eben nicht nur irgendwo zwei Staatsmänner die Hände schütteln oder zusammen an einem Gottesdienst teilnehmen, sondern dass die Idee wirklich erfüllt wird von Zehntausenden oder Hunderttausenden im Laufe der Jahre. Menschen, die das Leben und die den Austausch zelebrieren, die nicht wie ich die Sprache nicht können, sondern die Sprache lernen. All diese Dinge, es ist wichtig, dass das in der Breite passiert und nicht nur ein Vertrag auf Papier existiert.

Denken Sie, dass man den Vertrag aktualisieren sollte?

Ich glaube nicht, dass wir jetzt überhaupt noch solche Verträge brauchen, als schriftliche Form. Was wir sicher brauchen sind interessante Anreize um weiterhin zu kooperieren. Wir wissen, dass es immer hilfreich ist, wenn es irgendwo etwas Geld gibt, wenn es irgendwo einen Anstoß gibt. Also man soll nicht denken, dass jetzt alles von selber läuft, sondern man muss diese Instrumente, die wir haben, sicherlich einfach auch weiterhin mit Geld füttern, so z.B. ARTE, eine wirklich wunderbare Möglichkeit jeden Abend Französisch zu hören, umzuschalten, mitzudenken bei bestimmten Themen, zu sagen: Ach, das ist etwas, was gerade vielleicht auch die Menschen in Frankreich interessiert. Es sind also eigentlich solche kleinen Schritte, die im Grunde gar nicht viel Geld kosten, die für das normale Leben besonders wichtig sind. Und das sollte genauso weiter gehen.

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HEIDI GLAUSE, Leiterin der deutschsprachigen Abteilung von Fontainebleau

Glauben Sie, dass die Partnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich dieselbe wäre, ohne den Elysée-Vertrag?

Nein, das glaube ich nicht.

Was wäre denn daran verschieden?

Ich bin der Meinung, dass manchmal von wichtigen Personen, wie es Adenauer und de Gaulle waren, sozusagen eine Art Startschuss gegeben werden muss, nicht im Sinne von schießen, sondern als Signal, damit andere Leute auch mutig den eigenen Weg weitergehen, das heißt nämlich nicht, dass sie das nicht schon angefangen hatten, aber sie werden dann durch so ein Signal darin bestärkt und das finde ich ganz wichtig.

Und als Sie klein waren, oder als Ihre Eltern klein waren, hätten Sie dann jemals gedacht, dass es so eine gute Partnerschaft, so eine gute Freundschaft geben würde zwischen Deutschland und Frankreich oder war das damals noch verschieden?

Das war, das fing gerade an. Als ich zur Schule ging, ich bin in Hamburg zur Schule gegangen, da gab es ein Angebot, die 10. Klasse konnte nach Paris fahren, für eine Woche. Und Paris war absolut exotisch für mich.

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© Text und Zeichnungen: Grand méchant loup | Böser Wolf